Binge Eating Disorder
HPPO011


Das Störungsbild der Binge Eating Störung wurde erstmals 1959 beschrieben.
Obwohl diese Störung vermutlich die am weitesten verbreitete Essstörung in Deutschland und den USA ist, ist sie nicht in der ICD 10 erfasst. Die Kodierung in der ICD zehn erfolgt über die Ziffern F 50.4: Essattacken bei anderen psychischen Störungen oder über die F 50.9: Essstörung, nicht näher bezeichnet. Es ist geplant sie in die ICD 11 aufzunehmen.
Die Diagnosekriterien aus der DSM V sind die folgenden:
wiederholte Episoden von Essanfällen, wobei diese Anfälle zeitlich begrenzt sein sollen, also zum Beispiel auf 2 Stunden und in dieser Zeit eine größere Menge an Lebensmitteln zu sich genommen wird als ein Mensch üblicherweise in dieser Zeit essen würde. Zusätzlich soll fehlende Kontrolle über das Essen während dieser Episode empfunden werden. Es soll ein deutlicher Leidensdruck empfunden werden bezüglich der Essanfälle und die Anfälle sollen im Durchschnitt mindestens einmal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten auftreten. Kompensatorische Verhaltensweisen wie zum Beispiel Erbrechen, Fasten oder exzessive körperliche Betätigung sollen nicht vorliegen und es soll auch kein Zusammenhang zu Episoden von Bulimie oder Anorexie geben . Außerdem sollen von den folgenden Symptomen mindestens drei vorhanden sein: 1. wesentlich schneller essen als normal 2. Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl 3. Essen großer Nahrungsmengen ohne Hungergefühl 4. alleine essen, weil man sich wegen der Menge der verspeisten Nahrungsmittel schämt und 5. Ekel, Niedergeschlagenheit oder Schuldgefühle nach der Essattacke.
Differenzialdiagnosen sind: Adipositas ohne es Essattacken, Tumore, die Heißhungerattacken auslösen können, Heißhungerattacken durch Medikamente wie zum Beispiel Neuroleptika, Antidepressiva oder Östrogene und Heißhungerattacken, die durch das Absetzen stimulierender Substanzen wie zum Beispiel Nikotin, Kokain oder Amphetamin ausgelöst werden.
Mindestens. 40 % der Patienten sind übergewichtig bis adipös. Leider haben Studien ergeben, dass nach erfolgreicher Therapie das Gewicht nicht wie gewünscht gesenkt werden konnte. Aber allein die Essattacken mit dem dazugehörigen Leidensdruck loszuwerden ist ein tolles Ergebnis einer Therapie. Substanzmissbrauch und insbesondere Alkoholsucht treten häufig zusammen mit der Essstörung auf. Das ist unter anderem zurückzuführen auf den Leidensdruck, den die Essattacken auslösen und auf den sozialen Rückzug aufgrund der Scham über die fehlende Kontrolle. Depressionen liegen bei 50% der Patienten als begleitende Störung vor. Wobei nicht klar ist, ob zuerst die Depression oder zuerst die Essstörung da war. Weitere begleitende Erkrankungen können außerdem sein: Angststörungen, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen.
Auslöser der Bing Eating Störung sind – wie fast überall bei psychischen Störungen – multifaktoriell. Sowohl chemische Abläufe im Gehirn, die Lebensumstände in Vergangenheit und Gegenwart, erlernte Ernährungsrichtlinien und Essgewohnheiten, vorangegangene Diäten, Missbrauchserlebnisse, genetische Dispositionen und psychologische Faktoren wie bestehende psychische Störungen oder auch die Art, wie der Patient mit Emotionen umgeht.
Adipositas in der Kindheit scheint ein Hauptfaktor für die Entstehung der Störung zu sein.
Unmittelbarer Auslöser eines Essanfalls können Stress, Anspannung, Angst, Niedergeschlagenheit, Einsamkeit, Wut, Trauer oder Langeweile sein.
Oft befinden sich die Patienten in einem Teufelskreis aus negativem Selbstbild, Verlangen nach Essen, Essanfall, Schuldgefühl und Scham, und wiederum negativem Selbstbild. Eine zunehmende Isolation wegen der Scham über ihre mangelnde Selbstkontrolle lassen ihnen die Situation ausweglos erscheinen.
Manchmal kommen noch finanzielle Probleme durch die vermehrten Lebensmitteleinkäufe hinzu.
Erste Essattacken können schon im Kindesalter auftreten. Die meisten Erstmanifestationen liegen im 3. Lebensjahrzehnt. Die Störung kommt in allen sozialen Schichten vor. Es sind mehr Frauen als Männer betroffen. Allerdings ist der prozentuale Anteil der Männer höher als bei anderen Essstörungen. Zur Lebenszeit-Prävalenz habe ich Angaben zwischen 1 und 3% gefunden.
Die meisten Patienten finden den Weg zum Arzt über die Adipositas. Sie wenden sich nicht wegen der Essstörung an einen Arzt, weil die Störung zum einen mit großer Scham einher geht und zum anderen, weil viele Betroffenen nicht wissen, dass sie an einer weit verbreitete Krankheit mit Therapiemöglichkeiten leiden. Aus Krankenberichten hört man immer wieder, dass der Patient glaubte , er allein habe eine solche Charakterschwäche.
In der Therapie geht es darum den Patienten über die Essstörung aufzuklären und für die Behandlung zu motivieren. Über verhaltenstherapeutische Maßnahmen sollen Essgewohnheiten verändert werden und das Erkennen von Hunger und Sättigungsgefühl wieder erlernt. Durch das Führen eines Tagebuches soll der Patient die Essattacken auslösende Faktoren identifizieren und andere Strategien zur Stressbewältigung finden.
Neben der Verhaltenstherapie hat sich die interpersonelle Therapie bewährt.
Antidepressiva können bei bestehender Depression sinnvoll sein. Ansonsten hat sich keine medikamentöse Therapie als sinnvoll erwiesen. Die besten Ergebnisse werden mit einer stationären Therapie erreicht, in der ein neuer Umgang mit Ernährung und eine positive Einstellung zu Bewegung erreicht werden können. Eine anschließende ambulante Behandlung, die Einbeziehung der Familie und eventuell die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe helfen das geänderte Verhalten in den Alltag zu integrieren.
Ohne eine therapeutische Behandlung verläuft die Störung meist chronisch.
Fitcher, Quadflieg & Hedlund berichten 2008 in einer Studie von 67% ohne Essstörung im Zwölfjahresverlauf einer behandelten Gruppe.


Die Infografik:

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